Lügenpresse, Geldnot, KonkurrenzkampfJournalisten #unterDruck

Ein Journalist kämpft an vielen Fronten gegen den Druck. Aber woher stammt er und wie schaffen wir es, ihn zu überwinden? Eine brisante Diskussionsrunde zur Eröffnung des JugendMedienEvents 2016 lieferte erste Antworten und einen Querschnitt zu den verschiedenen Facetten des diesjährigen Mottos #unterDruck.

Hass und Hetze

Zum Auftrag eines Journalisten gehört es, kritisch über politische und gesellschaftliche Trends zu berichten. Oft begeben sich Reporter dafür in gefährliche Situationen, etwa auf Demonstrationen oder in Krisengebiete. Dafür riskieren sie ihr Wohlergehen, werden bedroht oder gar physisch angegriffen. So auch Peter Bandermann, Lokaljournalist der Ruhr Nachrichten. Seit etwa 20 Jahren befasst er sich mit der rechtsextremen Szene in Dortmund und schreibt gegen ihren Rassismus an. In der Diskussion schildert er aktuelle Erfahrungen und den psychischen Druck, dem er alltäglich ausgesetzt ist. Das letzte Mal wurde er am 11. Februar attackiert, während einer nächtlichen Polizeirazzia, bei der die Polizei die Wohnung stadtbekannter Neonazis stürmte.

Erst verfehlte ihn eine Glasflasche knapp, daraufhin sei eine Beleidigung gefolgt, die den Täter letztendlich 2000 Euro kostete, erzählt Bandermann.

„Irgendwann lernt man damit umzugehen.

Peter Bandermann (Ruhr-Nachrichten)

Peter Bandermann (Ruhr-Nachrichten)

Der journalistische Auftrag bedeutet auch, Ungemütliches auszuhalten. Gerade dann verstärkt er sich noch.“ Aufzugeben bedeutet für den erfahrenen Journalisten, vor der Berufung zu kapitulieren. Besonders übers Internet rufen die Gegner der Presse zur Hetze auf und profitieren dabei auch von der Anonymität der Online-Medien. „Zieht euch warm an“, appelliert er an die Teilnehmer. Unter dem Druck, sich gegen die ständigen Anfeindungen zu behaupten, sei es oft schwer, Ruhe und Mut zu bewahren.

Celal Çakar, Volontär der Axel Springer Akademie (ASA) in Berlin, teilte die Meinung, ein Journalist dürfe „bei brisanten Themen nicht den Kopf einziehen“ und betonte: „Wer sich schnell einschüchtern lässt, sollte seine Berufswahl zumindest überdenken.“

Der Mythos Lügenpresse

Ulric Papendick, Leiter der Kölner Journalistenschule (KJS), und seine Auszubildenden machten 2014 ebenfalls einschneidende Erfahrungen mit Hasskommentaren. Im Projekt Faktenzoom überprüften sie 2014 die Äußerungen diverser Politiker in Fernseh-Talkshows auf ihren Wahrheitsgehalt.

Ulric Papendick (Kölner Journalistenschule)

Ulric Papendick (Kölner Journalistenschule)

Sie wollten damit eine wesentliche Funktion der Presse erfüllen: die Kontrolle des politischen Geschehens. Spitzenreiterin des Negativ-Rankings war Frauke Petry, die mit den meisten falschen Aussagen auffiel. Der Veröffentlichung der Ergebnisse folgte nicht nur viele Beschuldigungen und Beschimpfungen in zahlreichen Online-Portalen, sondern auch ein Post der AfD-Politikerin selbst, die auf ihrer Facebook-Seite vor der KJS warnte und ihr Projekt als „Murks“ abtat.

Die Lügenpresse-Rufe auf den Pegida-Demos, pauschale Verurteilungen des journalistischen Berufs, setzen seit etwa zwei Jahren die gesamte Branche unter Druck. An der Frage nach dem richtigen Umgang mit den Anschuldigungen scheiden sich die Geister. Es schmerzt und macht wütend, wenn der mühsam recherchierte Artikel als Lüge abgestempelt wird. Gegen die Vorwürfe anzuschreiben ist aber nur ein Teil der Lösung. Gleichzeitig sollten Journalisten sich auch fragen: „Sind unsere Medien vielleicht zu elitär geworden?“ Elmar Mathews vom Bundesverband Presse-Grosso (Presse-Großhandel) merkte an, dass die Distanz zwischen Lesern und Journalisten womöglich zu groß geworden ist. Um wirklich diejenigen zu erreichen, die an der Glaubwürdigkeit der Medien zweifeln, ist es unabdinglich, alternative Kanäle neben den etablierten Tageszeitungen und Online-Portalen zu finden. Wichtig sei ebenso, an der Sorgfalt als oberstes Prinzip festzuhalten, um sich nicht angreifbar zu machen, betonte Peter Bandermann.

Online vs. Print

Elmar Mathews (Presso-Grosso) und Celal Cakar (Axel-Springer-Akademie)

Elmar Mathews (Presso-Grosso) und Celal Cakar (Axel-Springer-Akademie)

Presse-Grossist Elmar Mathews kennt die Verkaufszahlen der deutschen Zeitungen und Magazine wie kein anderer. Bei seiner täglichen Arbeit wird er immer mit der anhaltenden Verkaufskrise des Printjournalismus konfrontiert. „Seit circa 20 Jahren fallen die Absätze konsequent, vor allem wegen dem Einfluss der digitalen Medien“, sagte er. Um sich über das aktuelle Weltgeschehen zu informieren, nutzen immer mehr Menschen, erst recht im jungen Alter, das Internet. Die zahlreichen Vorteile liegen auf der Hand: sekundenschnelle Verbreitung wichtiger Nachrichten, eine „Kostenlos-Kultur“ und vor allem die Bequemlichkeit, unzählige Artikel auf dem Smartphone lesen zu können. All diese Umstände jedoch sind für den Beruf des Journalisten Stressfaktoren. Tageszeitungen schrumpfen und streichen Arbeitsplätze. Zeitdruck und Konkurrenz zwischen den Medien gipfeln im Druck, immer und am besten vor allen anderen auf dem neusten Stand zu sein.

Zeitungsleser sind noch da“, stellte Peter Bandermann klar. „Bei inhaltlichen Fehlern bekommen wir sofort Anrufe von unseren Lesern.“ Der Lokaljournalist fügte optimistisch hinzu: „Im Alter geht der Trend zur gedruckten Zeitung.“ Die gegenteilige Meinung vertrat Volontär Çakar. Der 21-Jährige konterte: „Ich werde bestimmt nicht mit 30 anfangen, Zeitung zu lesen.“ Und: „Die Menschen wollen keinen toten Baum mehr in der Hand halten.“ Print versus Online bedeutet Tradition gegen Fortschritt. Die Aufgabe in Zukunft liegt gerade darin, sich an Veränderungen in der Medienlandschaft anzupassen und dabei auch Kompromisse zu finden. Die endgültige Lösung des Problems ist noch nicht in Sicht, der erste Schritt sollte aber Realismus sein. KJS-Leiter Papendick beschreibt die Suche nach dem erfolgreichen Modell der Zukunft mit dem Prinzip „trial and error“. Redakteure probieren verschiedene neue Medien aus, experimentieren zum Beispiel mit Snapchat oder Facebook Live, um das beste Konzept für sich und ihre Leserschaft zu finden.

Zu diesem Realismus gehört nicht nur, den Siegeszug der digitalen Medien zu akzeptieren. Durch das kostenlose Bereitstellen von journalistischem Content im Internet geraten Journalisten auch unter finanziellen Druck. Ihre Leistung muss ebenso entlohnt werden wie die in anderen handwerklichen Berufen. Aber die Bereitschaft, für Online-Artikel zu bezahlen, ist verschwindend gering. „Wer von euch würde 12 Euro pro Monat für ein Online-Abo bezahlen?“, fragt Bandermann in die Menge. Schweigen, eine einzelne Hand geht zögernd in die Höhe. „Der Gratis-Journalismus im Internet war ein Fehler“, findet Çakar. „Die Verlage haben damals die Folgen dieser Entscheidung unterschätzt.“ Er schlug vor, mit großen Medienkonzernen wie Google, Facebook und Twitter zu verhandeln, um rentablen Online-Journalismus möglich zu machen. Das Einrichten von sogenannten Pay-Walls wäre eine weitere Möglichkeit, mit Beiträgen im Netz Geld zu verdienen. Laut Elmar Mathews fürchten aber viele Verlage dieses Vorhaben. Die Angst vor Misswirtschaft lähmt sie. Dabei besteht akuter Handlungsbedarf. Das Presse-Grosso steht durch den Niedergang der Printmedien auch unter Druck: Die sinkenden Auflagen entziehen den Großhändlern zunehmend ihre Grundlage. Projekte wie „Zeitung an die Schulen“ können ein Weg sein, neue Leser zu generieren.

Konkurrenzkampf

Mit Leidenschaft findet jeder seinen Platz“, sagte Çakar während der Eröffnungsdiskussion. Das klingt leicht aus dem Mund eines jungen Mannes, der sich beim Auswahlverfahren der ASA gegen hunderte Bewerber durchgesetzt hat und nun in einem der größten Medienhäuser Europas arbeitet. Aber etwas Wahres ist da schon dran. Peter Bandermann von den Ruhr Nachrichten drückt sich anders aus: „Ihr braucht eine Motivationsflatrate.“ Die Zuversicht nicht zu verlieren, fällt schwer angesichts der harten Anforderungen des Arbeitsmarkts für junge Journalisten: Die Konkurrenz ist riesig, die Jobs oft befristet, unterbezahlt und nur selten auf Vollzeit. Wie geht man nun mit diesem Druck um und behauptet sich gegenüber den Mitstreitern?

Das A und O bleibt die Medienkompetenz. Videos drehen, News und Reportagen für Radio und Internet aufbereiten, aber natürlich auch das klassische geschriebene Wort sollten idealerweise zum Repertoire des Bewerbers gehören. Ein anderer Ansatz ist es, sich auf ein bestimmtes Thema zu spezialisieren. Natürlich sollte man ein möglichst großes Allgemeinwissen besitzen. Um sich auf dem Markt durchzusetzen, kann es aber ebenso sinnvoll sein, sich besonders mit Technik oder Kunst auszukennen. Dabei dürfen junge Medienmacher sich gerne an persönlichen Vorlieben orientieren. „Interessiert euch für alles, aber sucht auch nach eurem persönlichen Talent“, rät Çakar.

Barrieren überwinden

Jugendmedienevent-Teilnehmerin Andrea lebt mit einer Behinderung, die sie im Alltag als angehende Journalistin unter Druck setzt. Ihre Kleinwüchsigkeit bereitet der Ingolstädterin sorgen. Schließlich sind in den allermeisten Radiostudios die Mikrofone zu hoch für sie. In großen Menschenmassen wie bei Demonstrationen geht sie unter, kommt nur langsam hinterher. Fehlende Barrierefreiheit ist für Menschen mit Behinderung eine große Hürde vor dem Berufseinstieg. Wie sehen das die Referenten?

Reporter brauchen Mobilität“, stellte Peter Bandermann fest. Behinderte Journalisten haben in diesem Punkt einen klaren Nachteil.

Sollen sie sich nun ihre eigene Marktlücke suchen?

Die Landtagsabgeordnete Lisa Steinmann bei ihrer Einführungsrede

Die Landtagsabgeordnete Lisa Steinmann bei ihrer Einführungsrede

Etwa, wie SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Steinmann vorschlägt, mit Recherchen und Archivarbeit ebenso hochwertige Beiträge produzieren wie ein rasender Außenreporter? Auch sie sitzt im Rollstuhl und spürt die Benachteiligung im Alltag. Sie versteht, dass sich Teilnehmerin Andrea nicht mit der fehlenden Barrierefreiheit arrangieren will. Viel zu viel steht der vollständigen Inklusion und damit der Chancengleichheit für Journalisten mit Behinderung noch entgegen. „Vorher muss die Welt in den Köpfen barrierefrei werden“, sagte Steinmann abschließend. Beim Umgang mit dem Druck empfiehlt sie jungen Journalisten Mut nach vorne – und ab und zu auch ein bisschen Entschleunigung.

Lennart Bar
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