Mit dem Nachtwächter durch KölnUnterhaltsame Geschichtsstunde in der Innenstadt

Woher kommen die Heinzelmännchen, warum wird jemandem heim geleuchtet und wieso arbeitet man in unterbezahlten Berufen „für ’nen Appel und ein Ei“? Ausgerechnet ein Nachtwächter namens Jünter macht sich auf, um unseren JME-Teilnehmern auf der Nachtwächterführung die Herkunft von Sprichwörtern zu erklären.

Jünter heißt eigentlich Günther Klein, kommt nach eigenen Angaben „aus der Ära Adenauer“ und schickt ab Einbruch der Dunkelheit Touristen auf eine Reise in die Vergangenheit. Die fängt schon damit an, dass der Nachtwächter zum vereinbarten Treffpunkt mit einer Hellebarde und einem Stofftuch um den Kopf erscheint, das er den Teilnehmern als „Gugel“ vorstellt. „Das Tuch konnte man sich früher auch um die Schultern hängen, um sich vor Kälte zu schützen“, erklärt der Stadtführer, bevor er die Gruppe zur ersten Station führt, die ausgerechnet mitten in einer Tiefgarage am Dom liegt. Neben endlosen Autoschlangen findet man hier die Überreste der alten Kölner Stadtmauer und den Annostollen, der nach einem Erzbischof aus dem 11. Jahrhundert benannt ist. Anno II. machte sich in der Stadt allerdings keine Freunde, da er unter anderem ein Schiff auf dem Rhein einfach kaperte und die Ware darauf beschlagnahmte. Auf der Flucht vor dem wütenden Sohn des Schiffsbesitzers und ein paar Anhängern, die dieser um sich gescharrt hatte, rettete sich der diebische Erzbischof in einen Schacht, der ihn aus der Stadt führte. „Leider hat Anno II. dann später ein kleines Heer zusammengestellt und ist zurückgekommen, um die Stadt zu verwüsten“, erzählt Klein.

Kurz darauf geht es aber auch schon weiter und der moderne Nachtwächter stellt die Aufgaben vor, mit denen seine Vorgänger im Mittelalter konfrontiert waren. „Nachtwächter hatten die Aufgabe, abends die Laternen innerhalb der Stadtmauern anzuzünden und ungefähr nach Mitternacht auch wieder auszumachen“, berichtet Klein. Ein anständiger mittelalterlicher Stadtbüger hatte schließlich gefälligst um diese Uhrzeit zu Hause zu sein. „Sogar die Wirtshäuser haben damals früher geschlossen – je später es ist, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass betrunkene Gäste Ärger machten.“ Um einem angetrunkenen Gast dennoch zu später Stunde nach Hause helfen zu können, habe es in Köln die sogenannten „Leuchtemänner“ gegeben: Laternenträger, die den Kneipengästen im wahrsten Sinne des Wortes „heim leuchteten“. Doch noch eine andere Redensart hat Günther Klein zufolge ihren Ursprung in diesem alten Beruf: „Hier in Köln sagen wir, dass jemand die Lampe an hat, wenn er betrunken ist.“

Als nächstes stehen die Heinzelmännchen zu Köln auf dem Programm, von denen viele der Teilnehmer schon in einem Gedicht gehört haben. Nach der Überlieferung – die Günther Klein natürlich stilecht auf Kölsch vorträgt – kriechen diese kleinen Wesen bei Anbruch der Dunkelheit aus ihren Löchern, um für die Menschen allerlei Arbeit zu erledigen. Damit ist dem Gedicht zufolge Schluss, nachdem die neugierige Frau eines Schneiders die Heinzelmännchen so sehr verärgert, dass sie aus der Stadt verschwinden und nie mehr gesehen wurden.

So weit ist die alte Sage einigermaßen bekannt – die reale Geschichte dahinter kennt jedoch niemand der Teilnehmer. Tatsächlich handelt es sich bei den „realen“ Heinzelmännchen um Arbeiter aus dem Siebengebirge, die im Mittelalter das Grundwasser aus Bergwerksstollen geschöpft haben. Nachdem diese Tätigkeit, die früher als „heinzen“ bezeichnet wurde, nicht mehr gebraucht wurde, verschlug es viele der „Heinzelmännchen“ nach Köln, wo sie aber zu keiner Handwerkszunft angehörten und deshalb nur illegal arbeiteten. Das geschah am besten ebenfalls bei Dunkelheit, also „schwarz“ und meist wurden die Arbeiter tatsächlich am nächsten Morgen tatsächlich nur mit ein wenig Essen abgespeist: mit einem Apfel und einem Ei. Die Aufgabe des Nachtwächters war es dann, diese rechtswidrigen Praktiken zu verhindern.

Spannende Erkenntnisse also, die Günther auf den restlichen Stationen seiner Führung mit Geschichten über Gefängnisse, Foltermethoden und einen spektakulären Juwelenraub aus der Domschatzkammer anreichert. Am Ende setzt der Ausblick über die Kölner Skyline einen kontrastreichen Schlusspunkt hinter eine unterhaltsame Geschichtsstunde.

Valentin Dornis
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